Überleben

Ich dachte immer in der Psychiatrie herrscht Totenstille. Im Gegenteil ich habe noch nie so viel Leben auf einem Haufen gesehen. Es gibt Leben, die sich retten wollen und Leben, die nicht gelebt werden wollen. Aus den Zimmern sind Hilferufe, Weinen und Lachen zu hören. Es gibt wenige Zimmer aus denen nur Stille hallt. Egal was man hört, jedes Geräusch wird vom Klirren der gebrochenen Herzen untermalt. Jeder spürt den Schmerz des Anderen. Wenn ich stur gerade aus blicke, sehe ich nur die bepflanzte Terrasse, auf die die Sonne scheint. Für einen kurzen Augenblick kann ich einfach nur durchatmen. Ich kann die hohen Gitter um den Garten herum ignorieren, sogar die Schreie einer alten Frau, die nach ihrer Mutter ruft, die bestimmt schon längst verstorben ist.

Ich erinnere mich an manche Nächte in denen ich weinend wach wurde und eine Krankenschwester kam, mich in den Arm nahm und mir Tabletten gab. Wie ein kleines Mädchen, das Angst vor den Monstern im Schrank hat, kauerte ich mich zusammen. Aber da war kein Monster im Schrank. Es saß mitten in meinem Herzen, fraß sich durch meinen Körper und vergiftete meine Gefühle bis ich zu dem Monster wurde.

Die Verwandlung war unglaublich schmerzhaft. Ich lag wie angekettet im Bett und innerlich schrie ich, schlug um mich bis ich wieder zu mir kam, schweißgebadet von der vielen Anstrengung. Ich hörte ihre Stimmen -die Gedanken der Außenwelt- „Du Schlampe!“, „Du kannst nichts!“, „Du baust nur Scheiße!“, „Was hast du nur getan?“. Sie sagten es so lange bis ich es selbst glaubte. Dann konnte ich wieder verstehen warum ich sterben will. Wenn ich auf die Toilette ging, schaute ich in den Spiegel. Fettige Haare, rotunterlaufene Augen, Kratzspuren im Gesicht, weiße Haut. Der wandelnde Tod. So sieht also das Böse aus. Das bin ich. Das Böse. Ich habe versucht es los zu werden. Ich schrubte meinen Körper fast blutig, in der Hoffnung, dass sich meine böse Fassade lösen kann. Ich beobachte mich beim Duschen – kein besonders schöner Anblick. Ich hätte am liebsten den Duschvorhang zugezogen, den es aber nicht gab, damit sich niemand aufhängen konnte. Überhaupt waren alle hier sehr vorsichtig. Meine Taschen und Kleidung wurden durchsucht. Mein Gürtel, mein Taschengurt, mein Schal, meine Halskette, mein Nasenspray, mein Sprühdeo, meine Kopfhörer, meine Kugelschreiber und Büroklammern wurden einkassiert.

Als ich in mein Zimmer kam, wollte ich die Krankenschwester darauf hinweisen, dass der Lichtschalter kaputt ist. Aber sie winkte ab und meinte, dass es auf der Station keine Abdeckrahmen gibt, weil man sie abmontieren könnte und eine Waffe daraus basteln könnte. An sowas habe ich gar nicht gedacht.

Ein paar Tage später, durfte ich nur noch unter Aufsicht raus, weil ich mir im Garten mit einem Stein den Arm aufgeschnitten habe. Es findet sich immer etwas. Diese Aktion bedeutete gleichzeitig noch, dass ich ein paar Pillchen mehr bekam, die ich vor den Augen der Pflegern nehmen musste.

Der nächste Tag war hart. Es kamen neue Patienten, die sich nicht gut verstanden haben. Meine Bettnachbarin klaute meine Handtücher, während ich schlief um später beim Mittagessen einen anderen schlagen zu können. Mein erstes Lächeln seit vier Tagen. Eigentlich ist das gar nicht so lange, aber für mich fühlte es sich an, als ob ich mein halbes Leben schon hier wäre.

Es hat fast 2 Monate gedauert bis ich aus der Klinik endgültig entlassen wurde. Ich kehrte zurück nach Hause in mein altes Leben und beschloss von vorne anzufangen. Ich versuchte nicht mehr perfekt zu sein. Ich begann mich zu mögen und allmählich verließ mich der Gedanke, dass Böse zu sein. Manchmal kommt er wieder mit den Erinnerungen an meine dunkelsten Tage. Aber sie wurden weniger. Ich versuchte nicht zu überleben. Ich will wieder Leben. Das ist die beste Entscheidung in meinem jungen Leben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.