Morgenflucht

Noch bevor die Musik begann, glaubte ich den Rhythmus zu spüren. Durch meine Adern – wie ein leises Rauschen. Es fing in meinen Füßen an und stieg aus jeder einzelnen Zehe weiter nach oben bis in meine Haarspitzen. Plötzlich wusste ich es. Es war kein Rhythmus, sondern reine Nervosität. Und nun schien mein ganzer Körper zu vibrieren. Es war genau wie gestern Abend. Alles zitterte und plötzlich wurde ich ganz ruhig. Dünne leuchtendrote Linien spannten sich über meine Haut. Rote Linien, die meine Geschichte erzählen. Rote Linien, die niemand sieht. Rote Linien von denen ich wünschte, dass ich sie bloß mit einem Filzstift aufgemalt hätte.

Die Nervosität. Das Publikum. Der Boden unter mir. Mein Herz pochte intensiv – passend zur Musik. Der Rhythmus pulsierte so stark durch meine Adern, dass ich Angst hatte, dass sie platzen und die Bühne mit einem blutroten Teppich besprühen könnten.

Am liebsten wäre ich den künstlichen Nebel eingetaucht, der mich umhüllte und nie wieder herausgekommen. Aber ich musste mich verbeugen, Applaus bekommen. Applaus, den ich gestern bekommen habe. Applaus, den ich auch morgen bekommen werde. Applaus, den ich noch lange bekommen werde. Ich blickte auf und sah allen in die Augen. Alle bestimmten mein Schicksal, wobei eigentlich nur einer. Es gibt immer einen im Publikum, der so überwältigt ist, dass er als erster zu klatschen beginnt. Wenn er aufhört damit anzufangen, höre ich auf zu leben. Dann bekomme ich keinen Applaus mehr. Dann bin ich keine Tänzerin mehr. Es war das erste Mal, dass ich den Zuschauern in die Augen blickte. Wieder wurde mir klar: Irgendwann hören sie auf. Sie werden einfach aufhören zu klatschen. Irgendwann wird erwartet, dass ich die Bühne schweigend verlassen werde – so wie ich auch meine Familie damals verlassen habe und den wichtigsten Menschen in meinem Leben. Wie lange ich jetzt weg war, wusste ich nicht. Lang genug, dass ich mich nicht mehr genau an die Haarfarbe meiner kleinen Schwester erinnerte und trotzdem noch so kurz, dass ich vor jedem Auftritt noch Lampenfieber bekam.

Jeden Abend fließt das Blut. Jeden Morgen brennen die Wunden. Jedes mal wenn ich in den Spiegel sehe, schäme ich mich. Ich soll Anmut und Eleganz verkörpern. Eigentlich spiele ich doch nur. Ich verstümmele meinen eigenen Körper. Das Kostüm ist meine Maske. Damit sehe ich jeden Abend umwerfend aus und alle kleinen Mädchen wünschen sich so zu tanzen, so ein Kleid tragen zu können. Der Schmerz unter dem ganzen Tüll, den Perlen, den Glitzersteinchen und den Schleifchen können sie gar nicht sehen. Ich kann ihn auch nicht sehen, nur fühlen, aber der vergeht. Eines Tages fehlt der Schmerz und ich kann nicht mehr aufhören es zu tun. Dieses Geräusch – Metall auf der Haut – Metall unter der Haut. Eine weiße kaum sichtbare Linie, die sich langsam dunkel verfärbt und öffnet und kleine rote Perlen zu sehen sind. Sie sammeln sich und werden zu einer großen Träne bis diese so schwer wird, dass sie losläuft. Sie hinterlässt rote Striemen. Sie kleben. Dann trocknen sie und später erinnert alles an das Chainsaw Massaker. Ich verdiene es nicht eine Tänzerin zu sein und Applaus zu bekommen. Ich bin undankbar. Das Publikum liebt mich und ich zerstöre mich.

Mein letzter Abend. Ich habe mich entschieden zu fliehen. Fliehen vor dem Applaus. Fliehen von der Bühne. Fliehen vor mir selbst. Fliehen vor dem, was mich verändert hat. Mein letzter Auftritt. Mein letztes Lampenfieber. Mein letzter Applaus. Er klang brutal. Er klang wie eine Steinlawine, die mich gleich begraben würde. Als die Zuschauer zu pfeifen begannen, hörte es sich an wie ein Feuerwerk. Das war er: Mein Abgang. Er war perfekt. Ich war froh das alles nie wieder hören zu müssen und beschloss still zu gehen. Niemand soll merken wie ich meinen Koffer packe, heimlich durch den Flur schleiche und mich 1000 Mal umdrehe, aus Angst gesehen zu werden. Als ich von der Bühne kam, zog ich mich gleich in meine Garderobe zurück. Es war so still, dass man das Rauschen meines Bluts hören konnte. Schweigend entfernte ich mein Make – up. Schweigend zog ich mich um, hing mein Kostüm auf die Stange und strich ein letztes Mal über den Taft. Kurz denke ich darüber nach es mitzunehmen. Ich nehme es vom Bügel und sehe innen kleine braune Punkte. Getrocknetes Blut. Ich wurde wütend und schmiss es in die Ecke, drehte mich um und ging auf mein Zimmer. Mein Kopf fühlte sich heiß an und Tränen stiegen auf. Endlich. Wie lange konnte ich nicht weinen? Langsam flossen sie über meine Wangen. Ich lächelte. Es war kein Blut. Das fühlte sich gut an. Im Bett schloss ich meine Auge. Langsam fiel ich in ein Nest aus rabenschwarzen Federn. Sie waren angenehm kühl, streichelten meine Narben und trockneten die Tränen. Meine Gedanken an Morgen verblassten allmählich. Ich fühlte mich frei, während ich immer weiter in die Tiefe sank. Und trotzdem hatte ich das Gefühl aufgefangen zu werden.

Früh am Morgen packe ich meinen Koffer. Es fällt mir leicht mich von all dem Ballast zu trennen. In meinem Kopf verknoten sich viele Gedanken. Wo soll ich hin? Zu meiner Familie, die ich verlassen habe? Zu meinem Freund, den ich auch verlassen habe?

Auf der Straße angekommen, stelle ich mein Gepäck ab und sehe mich um. Ich habe das Theater verlassen. Meine Haut beginnt zu prickeln und stelle fest, dass Frühling ist. Es ist warm und gleichzeitig frisch, dass ich nicht weiß, ob ich eine Jacke anziehen soll. Vögel singen. Der Wind lässt die grünen Blätter rascheln. Es kitzelt in meiner Nase und ich erinnere mich daran, dass ich eine Pollenallergie habe. Am blauen Himmel blinzelt mir die Sonne zu. Schon lange habe ich es nicht mehr genossen in der Sonne zu stehen. Sie strahlt mich an, als ob sie nur für mich aufgegangen sei. Im Sommer werde ich Schwimmen gehen und Fahrrad fahren. Wenn der Winter kommt, gehe ich Schlitten und Ski fahren. Ich werde Urlaub machen. Ich werde neue Freunde finden und mein Leben leben. Vielleicht wird meine Familie dabei sein. Vielleicht wird auch der dabei sein, den ich verlassen habe und sein Herz gebrochen habe, wenn er mich noch haben will. Jetzt werde ich das machen was mich glücklich macht.

Meine Augen strahlen zurück zur Sonne. Ich atme tief ein. Das Band, dass mir in den letzten Monaten den Brustkorb abschnürte, reißt auf. Ich atme nochmal ein und spüre wie sich mein Körper mit frischer Luft füllt und bereit ist wieder zu leben.

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